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Die Flutkatastrophe in Pakistan – Glück im Unglück im Bagrot Tal

Die nahezu unfassbare Flutkatastrophe im Juli diesen Jahres hat für viele Menschen in Pakistan großes Leid gebracht und den Verlust der Existenz. Weite Landstriche wurden verwüstet. Dies hat langfristige Auswirkungen auf die Infrastruktur des gesamten Landes und die Existenzgrundlage eines erheblichen Teils der Bevölkerung. Im Bagrot Tal sind die Schäden vergleichsweise gering. Menschen wurden nicht verletzt. Wohnhäuser und Schulgebäude wurden nicht zerstört. Einige Felder, Wege und viele Bewässerungskanäle sind von Schlammfluten verschüttet worden. Doch ein erheblicher Teil der Ernte wurde von den Regenfluten zerstört. Vielen Familien fehlen damit die notwendigen Einnahmen aus dem Verkauf der landwirtschaftlichen Produkte. Für einige Wochen waren die Täler der Region Gilgit-Baltistan von der Außenwelt abgeschnitten, die großen Verbindungsstraßen waren nicht befahrbar und die Strom- und Telefonversorgung war unterbrochen. Auch die medizinische Versorgung versagte. Die indirekten Folgen sind erheblich: enorm hohe Preissteigerungen bei vielen Gütern des täglichen Bedarfs und nur sehr geringe Ernteerträge. Dabei bilden gerade die Ernteerträge den Lebensunterhalt der meisten Familien. Angesichts der Knappheit vieler Güter des täglichen Bedarfs wie zum Beispiel Weizen, Haushaltsgas und Benzin sind die Preise teilweise um das Doppelte und mehr gestiegen. Bis zur nächsten Ernte im kommenden Jahr und der Wiederherstellung aller Versorgungswege müssen die Familien mit weit weniger auskommen als gewohnt. Die Schulen im Tal haben ihren Betrieb nach den Sommerferien wieder aufgenommen. Für die Kinder ist Normalität in den Alltag eingekehrt. Angesichts der prekären Versorgungslage und den beängstigenden Erlebnissen über den Sommer ist dies eine positive und damit sehr wichtige Erfahrung für alle.

Monika Girls High School im Bagrot Tal in Nordpakistan

Im Jahr 1990, vor 20 Jahren lebte ich im Rahmen einer Feldforschung in Bagrot. Die damals geborenen Kinder sind heute erwachsen. Vieles hat sich seitdem im Tal verändert. So hat die Mehrzahl der Kinder im Gegensatz zur älteren Generation die Möglichkeit, eine Schule zu besuchen, auch die Mädchen. Im Mai 2010 habe ich meinen Urlaub wieder im Bagrot Tal verbracht – bereits im Mai war es ganz ungewöhnlich regnerisch und kühl. Die Mädchenschule habe ich häufig und gerne besucht. Die Schülerinnen machen gute Fortschritte und schneiden bei den Jahresexamen im Vergleich mit den Jungen sehr gut ab. Sie äußerten sich in den privaten Gesprächen mit mir sehr zufrieden über das Lernklima an der Schule und die Möglichkeit, dort in Ruhe studieren zu können. In diesem Jahr war der Wechsel bei den Lehrkräften relativ gering. Ein Faktor, der die Qualität des Unterrichts stark beeinflusst. Die Schule wird sehr gut und von ruhiger Hand geführt. Dies verdanken wir dem einheimischen Koordinator. Er ist stellvertretender Schulleiter der Government Boys High School in Bagrot.

Die Schule in Zahlen

Der Unterricht findet wie seit Jahren in zwei Schichten statt. Der Vormittag ist für die sieben Vor- und Grundschulklassen reserviert, der Nachmittag für die höheren Klassen und den Unterricht für die Studentinnen.

Die 9. Klasse hatte mit Beginn des neuen Schuljahres im April sage und schreibe 86 Schülerinnen und musste in zwei Klassen geteilt werden. Das ist ein großer Erfolg und spricht für die Qualität und das hohe Ansehen der Schule. Dies ist in besonderem Maße den beiden einheimischen Koordinatoren Ahmad Ali und Muhammad Sharif zu verdanken. Sie kümmern sich über das Jahr um die vielen kleinen und großen Fragen der Schülerinnen, Eltern und Lehrkräfte und steuern mit einem großen diplomatischen Geschick die Belange und Interessen der Schule.

Neues Ausbildungsangebot

Die Monika Girls High School hat 362 Schülerinnen: 299 Mädchen gehen in die 1. bis 10. Klasse und 63 Studentinnen besuchen die 11. und 12. Klasse sowie den Vorbereitungskurs für das „Certificate Teaching“. Die 10. Klasse hat 88 Schülerinnen! Sie wurde in zwei Klassen aufgeteilt. Die älteren Schülerinnen und Studentinnen kommen aus allen Dörfern des Bagrot Tals. In der Grundschule (Primary School) unterrichten sieben Lehrerinnen. Fünf werden von der Schulbehörde der Provinz finanziert und zwei neue Assistenzlehrerinnen werden aus Spenden finanziert. In der Middle und High School unterrichten acht Lehrkräfte - 6 männliche, 2 weibliche, die alle ebenfalls aus Spenden finanziert werden. Die College-Klassen, d.h. die 11. und 12. Klasse werden von drei Lehrern unterrichtet, die Vorbereitungsklasse zur Prüfung für das „Certificate Teaching“ von einem weiteren Lehrer. Auch sie erhalten ihr Gehalt aus Spenden.
Die monatlichen Kosten für die 14 Lehrkräfte betragen zurzeit insgesamt 800 EUR.

Angesichts unserer bescheidenen Mittel blieb nichts mehr übrig für außerordentliche Maßnahmen wie die Anschaffung von Lehrmaterialien oder einen Lesewettbewerb. Es hieß Prioritäten setzen und die beruflichen Interessen der jungen Frauen unterstützen. Darüber hinaus mussten die Gehälter aller "alten" Lehrkräfte rückwirkend ab Januar diesen Jahres den erheblichen Preissteigerungen für Waren des täglichen Bedarfs wie Weizen, Mehl, Öl, Zucker, Reis, Brennholz, Gas etc. angepasst werden. Die Preise waren in den vergangenen 12 Monaten um 50-100% gestiegen.

Studentinnen auf Reisen

Seit einigen Monaten werden die College-Studentinnen nachmittags in den Klassenräumen des dritten und neuen Schulbaus unterrichtet. Das Gebäude ist zwar immer noch nicht vollständig bezugsfertig, es hat bauliche Mängel, die nur sehr zögerlich behoben werden. Doch drei kleinere Klassenräume sind jetzt nutzbar. Damit sind ausreichend Klassenräume während der beiden Unterrichtsschichten am Vor- und Nachmittag vorhanden. Jährlich im Juni finden über einen Zeitraum von 14 Tagen die Jahresexamen der 11. und 12. Klasse statt. Diese Prüfungen müssen die Studentinnen aus Bagrot an einem staatlichen College absolvieren, damit sie anerkannt werden. Viele haben Verwandte in einem größeren Ort in der Nähe des Bagrot Tals, an dem es auch ein staatliches College gibt. Bei ihnen gingen die Prüfungskandidatinnen zeitweilig ein und aus. Am Telefon berichteten mir die Verwandten stolz darüber und dankten allen Unterstützer/-innen für die neuen Möglichkeiten, die sich den jungen Frauen durch unsere Initiative bieten. Die jungen Frauen sind so selbstverständlich unterwegs, das wäre noch vor einigen Jahren unvorstellbar gewesen. Inzwischen ist ein junger Mann aus Bagrot zum Master-Studium nach Schweden gekommen, wir haben ihn im September dort besucht. Natürlich hoffen wir, dass diesem Beispiel in einigen Jahren auch junge Frauen folgen können.

Keine Schulgebühren!

In der Monika Girls High School und in den College-Klassen werden auch weiterhin keine Schulgebühren erhoben. Alle Mädchen in Bagrot sollen die Möglichkeit haben, die Schule zu besuchen. Die Eltern kommen für Schulkleidung, Bücher, Hefte, Stifte, Schultaschen etc. auf. Sie verzichten auch zu einem Teil auf die Arbeitskraft der Töchter im Haushalt und in der Landwirtschaft, um ihnen den täglichen Schulbesuch zu ermöglichen.

Neue Fördermaßnahmen

Während der Sommer- und Winterferien werden ab diesem Jahr Förderkurse organisiert, speziell für die Schülerinnen der 9. und 10. Klasse. Ein Schwerpunkt wird auf Förderunterricht in den naturwissenschaftlichen Fächern liegen. Sehr gute Kenntnisse in den naturwissenschaftlichen Fächern sind auch in Pakistan gefragt und ermöglichen den Mädchen Zugang zu einem breiten Spektrum von Ausbildungsangeboten. Die Sommerferienmaßnahme ist nun buchstäblich ins Wasser gefallen. Alle Betroffenen waren mit Aufräumarbeiten nach den Regenfluten beschäftigt. Auch für Englisch wäre Förderunterricht dringend notwendig. Doch mangelt es an qualifizierten Lehrkräften in Bagrot. Vielleicht finden sich irgendwann Freiwillige aus Deutschland, die diese wichtige Aufgabe für einige Wochen oder Monate übernehmen. Unterkunft und Verpflegung werden gerne bereitgestellt.

Vollständige staatliche Anerkennung in Aussicht gestellt

Die Monika Girls High School ist seit fünf Jahren staatlich anerkannt, jedoch hat die Schulbehörde bisher nur Personalstellen für den Grundschulbereich geschaffen. Während meines Besuchs im Mai haben wir gemeinsam mit Honoratioren aus Bagrot ein Gespräch mit dem für den Bezirk zuständigen Abgeordneten im Provinzparlament, Aftab Haider geführt und um seine Unterstützung bei der Einrichtung der notwendigen Personalstellen gebeten. Eine weitere Bitte war die Erweiterung der Schule zur Higher Secondary School. Das würde die 11. und 12. Klasse einschließen, die wir bereits seit fünf Jahren aus Spenden finanziert anbieten. Aftab Haider sagte zu, sich um beide Angelegenheiten zu kümmern. Er bat darum, die Personalkosten noch zwei Jahre zu tragen. Bis dahin hoffe er auf eine positive Entscheidung. Die Erweiterung zur Higher Secondary School versprach er in weiteren zwei Jahren. Wir werden den Abgeordneten beim Wort nehmen und jährlich an sein Versprechen erinnern. Angesichts der neuen Situation durch die Flutkatastrophe müssen wir allerdings damit rechnen, dass die staatlichen Gelder und Aktivitäten in erster Linie in Wiederaufbaumaßnahmen in der Region fließen.

Stipendien für herausragende Schülerinnen

Auch in diesem Jahr habe ich wieder vier Stipendien für herausragende Schülerinnen der 3. und 4. Klassen im Tal aus wirtschaftlich armen Familien übernommen. Das beste Testergebnis zeigten drei Schülerinnen aus dem Dorf Datuchi und eine Schülerin aus dem Dorf Bulchi. Sie besuchen nun die private BASE Public School, eine junge Initiative der lokalen Selbsthilfeorganisation Bagrot Association for Social Enhancement (BASE) zur gemeinsamen Ausbildung von Jungen und Mädchen. Bereits in den vergangenen drei Jahren habe ich in jedem Jahr vier Stipendien vergeben. Diese Schülerinnen gehen inzwischen in die 4. bis 7. Klasse. Sie stammen aus allen Dörfern des Tals. Während meiner Spaziergänge durch die Dörfer wurde ich von Müttern immer wieder auf die Möglichkeit eines Stipendiums für die Töchter angesprochen.
Die Schulgebühren für eine Schülerin betragen jährlich 40 EUR.

Tausend Dank und herzliche Grüße an alle Freundinnen und Freunde der Mädchenschule

Alle Schülerinnen der Monika Girls High School lassen die Unterstützer/-innen in Deutschland und Holland ganz herzlich grüßen. Die Mädchen und die Lehrkräfte waren überglücklich über das große Interesse an ihrer Ausbildung und sehr beeindruckt von dem vielfältigen Engagement für die ferne Schule. Das Foto der Klasse 7d der Ursulinenrealschule Köln wurde gleich stellvertretend für alle Unterstützer/-innen im Schulbüro aufgehängt und einige Tage später um das Motto „Menschlichkeit ist keine Frage der räumlichen Nähe oder Distanz“ ergänzt. Die Schülerinnen bedauerten sehr, dass sie die „deutschen Schwestern“ nicht kennenlernen können. Die Ursulinen-Schülerinnen hatten über die Weihnachtsferien 2009/2010 hinweg einen „Readathon“ veranstaltet und damit eine beeindruckende Spendensumme erlesen.

Herzlich grüßt Sie und Euch aus Hamburg!

Monika Schneid

November 2010


Spendenkonto:Kreissparkasse Tübingen
IBAN: DE31641500200002753609
BIC: SOLADES1TUB
Forum Kinder in Not e.V.
Für zweckgebundene Spenden bitte das Stichwort "Pakistan" angeben.Bei Angabe der vollständigen Adresse auf dem Überweisungsträger wird eine Spendenbescheinigung zugeschickt.

Bagrot Newsletter 2010.pdf

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Regenwolken über Hopey

Schultor

BASE-Stipendiatinnen

Grundschülerinnen beim Unterricht im Freien

Lehrerin Sobna, Mitte und Zehntklässlerinnen im Mai 2010

Schülerinnen der neunten und zehnten Klasse im Mai 2010

Kindergartenkinder

Versammlung vor Unterrichtsbeginn

Lehrerkonferenz im Mai 2010

Neubauflügel mit Aula (links) und Collegeklassen (rechts)