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Bagrot Basics

Englische Version

Nicht zu bremsen - Neustart mit vollen Klassen

Monika Higher Secondary School for Girls in Datuchi / Bagrot Tal, Nordpakistan

Projektbericht 2021

Das Jahr

Es geht voran: Im Mai 2017 hatte der Bildungsminister der Provinz Gilgit-Baltistan den Ausbau der staatlichen Girls High School bis zur 12. Klasse genehmigt. 2 Jahre später hat der Minister für öffentliche Infrastruktur die Schule offiziell zur Higher Secondary School aufgestockt..

Seitdem werden die bestehenden Schulgebäude erweitert, der Schulcampus planiert und ummauert. Nachdem der Ausbau im vergangenen Jahr coronabedingt gestoppt wurde und alle Bauarbeiter in ihre Heimatorte zurückkehrten, konnten kleine Bautrupps in diesem Jahr weiterarbeiten. Die neuen Obergeschosse mit zusätzlichen Klassenräumen sind inzwischen verputzt und der Innenausbau läuft. Auch der Bau der Campusmauer geht voran. Es fehlt noch der Toilettentrakt. Nach Fertigstellung aller Bauabschnitte und der Abnahme durch die Baubehörde werden dann 30-35 Stellen ausgeschrieben, darauf folgt das Auswahlverfahren für die Lehrkräfte und weiteres Personal. Auch dieses in Pakistan normale Verwaltungsverfahren zieht sich pandemiebedingt in die Länge. Die Anerkennung des seit dem Jahr 2005 aus Spenden finanzierten Colleges als Higher Secondary School bedeutet also vorläufig keine Erleichterung auf Seiten der Projektkosten.

Ein Projektbesuch im Bagrot Tal in Nordpakistan war in diesem Jahr erneut nicht möglich. Immer wieder geschlossene Grenzen - auch innerhalb des Landes, Quarantänebestimmungen hier und dort, erneut steigende Infektionszahlen bei einem schwachen Gesundheitssystem, dazu Ausgangsbeschränkungen, geschlossene Schulen usw. Ein Besuch wäre meines Erachtens für unsere Freunde eine zu hohe Belastung gewesen, unsererseits unverantwortlich. In Bagrot wird mein Fernbleiben sehr bedauert und teils wird ihm mit Unverständnis begegnet.

Glücklicherweise blieb die Zahl der Erkrankten und Verstorbenen im Bagrot Tal niedrig, bis auf wenige Wochen im Sommer. Auf diesen Ausbruch hat die Gesundheitsbehörde der Provinz sehr schnell reagiert und mobile Impfteams von Haus zu Haus geschickt. Inzwischen ist die Mehrzahl der erwachsenen TalbewohnerInnen geimpft und das Leben in Bagrot geht wieder seinen gewohnten Gang, wurde mir berichtet.

Im gesamten Land blieben auch in diesem Jahr alle Bildungseinrichtungen über mehrere Monate geschlossen. Die Studentinnen und Schülerinnen in Bagrot übten sich im Selbststudium, unterstützt von den Lehrkräften per Telefon und wo notwendig mit Hausbesuchen. E-Learning ist keine Option im Bagrot Tal, denn es mangelt an einer zuverlässigen und ausreichend starken Internetverbindung und der technischen Ausstattung in den Familien. Das Ergebnis waren verschobene Examenstermine, verspätete Bekanntgabe der Resultate der Jahresexamen an den Schulen und damit auch verspätete Anmeldungen für die weiterführenden Schulen wie unser College. Die gute Nachricht: Seit August ist das College regelmäßig geöffnet und die Anmeldungen waren zahlreich.

Wer hätte das gedacht? Im Sommer kam in Bagrot ein heftiger Streit zwischen den aktiven Unterstützern zweier politischer Parteien ans Tageslicht. Erbittert gestritten wird um die Verantwortung für die vor vier Jahren vom damaligen Bildungsminister der Provinz angekündigte Verstaatlichung des Colleges. Vertreter zweier Parteien beanspruchen die Ehre für diese wichtige Entscheidung. Es geht um die Wählergunst, denn die meisten Leute in Bagrot sind sehr stolz darauf, ein College im Tal zu haben. Lachende Dritte in diesem politischen Streit sind die Mädchen und jungen Frauen in Bagrot.

Monika Higher Secondary School

30 Jahre läuft unser Bildungsprojekt für Mädchen im Januar 2022. Es lag etwas in der Luft, als ich in Bagrot lebte und arbeitete, stelle ich im Rückblick auf die damalige Zeit fest. Die schrittweisen Erfolge seit 1992 verdanken wir den vielen UnterstützerInnen in Deutschland und nicht zuletzt auch in Bagrot. Das Unterrichtsangebot für Mädchen stand zu keiner Zeit ernsthaft in Frage. Bereits seit mehreren Jahren wird die Girls High School (1.-10. Klasse) vom Staat angemessen ver­sorgt. Die Lehrkräfte für die weiterführenden Schuljahre (11-14) am College müssen vorläufig noch aus privaten Spenden finanziert werden.

220 Mädchen aus dem Dorf Datuchi und umliegenden Weilern besuchen die Government Girls High School Datuchi (1.-10. Klasse) und werden von 25 staatlich angestellten Lehrerinnen unterrichtet. In den 5 weiteren Dörfern des Tals existieren bereits seit vielen Jahren Grundschulen für Mädchen. Alle sind sehr gut besucht. Das spricht Bände für die heutige Bedeutung von Schulbildung für Mädchen in Bagrot.

135 Studentinnen besuchen die Monika Higher Secondary School Datuchi von der 11.-14. Klasse. Die 14. Klasse konnte erst im November starten. Das Abschlussexamen für das 3. Collegejahr (13. Klasse) fand corona-bedingt erheblich verspätet statt. Die zentralen Jahresexamen der einzelnen Klassenstufen wurden zeitlich entzerrt, um die Abstandsregeln einhalten zu können. Für diese Prüfungen kommen Schülerinnen und Schüler verschiedener Schulen in einer zentralen Schule unter beh&ooml;rdlicher Aufsicht zusammen.
Die bis zu 6 Klassengruppen werden von 12 Lehrkräften unterrichtet, die wir mit Ihren und euren Spenden finanzieren.

"Education at Home" blieb auch in diesem Jahr das Motto des College. Im Bagrot Tal studieren und nicht außerhalb in den Städten der Region wo die Infektionszahlen weiterhin hoch sind. Das hat beim Aufruf zu Neuanmeldungen und zur Rückkehr in die Collegeklassen große Wirkung gezeigt.

Die wichtigsten Unterrichtsfächer in den Collegeklassen sind Urdu, Englisch, Soziologie, Pädagogik, Landeskunde, Wirtschaft, und in den naturwissenschaftlich ausgerichteten Klassen Physik, Biologie und Chemie. Seit Herbst diesen Jahres sind alle öffentlichen und privaten Bildungseinrichtungen des Landes von der Regierung angewiesen, zusätzlich Arabisch als Pflichtfach einzuführen. Um die Jahresexamen als Externe an einem öffentlichen College in der Region ablegen zu können, müssen die Studentinnen aus Bagrot nun ebenfalls Arabischkenntnisse nachweisen. Wir haben nun einen Lehrer angeworben, der Grundkenntnisse vermitteln kann. Qualifizierte Arabischlehrkräfte erwarten ein vergleichsweise hohes Honorar, weil sie in der Region rar sind.

Ein Lehrer unseres Teams ist gleichzeitig mit organisatorischen Aufgaben beauftragt, unterstützt von einer Assistentin für die persönliche Betreuung der Studentinnen. Die Collegeklassen werden nachmittags in den dann leeren Räumen der Mädchenschule unterrichtet. Für Unterricht am Vormittag, wie allgemein üblich, ist die Fertigstellung der zusätzlichen Klassenräume abzuwarten.

Im Herbst 2021 haben wir die Gehälter der College-Lehrkräfte erhöht. Die starke Inflation in Pakistan, zuletzt 12%, schlägt insbesondere bei den Preisen für Grundnahrungsmittel und weitere Waren des täglichen Bedarfs zu Buche. Das belastet wirtschaftliche arme Haushalte, wie die Mehrzahl in Bagrot, sehr. Pakistan muss viele Rohstoffe und Grundnahrungsmittel importieren. Die pakistanische Rupie hat in den vergangenen drei Jahren 40% ihres Wertes gegenüber dem Euro verloren. Das Land befindet sich heute mitten in einer schweren Wirtschaftskrise.

Was fehlt(e)?

Schön wäre, wenn alle Studentinnen im College Masken trügen, wie vorgeschrieben. Angesichts der Inflation können viele Haushalte sich das kaum leisten. Wir überlegen, Masken zur Verfügung zu stellen.

Bei meinem Besuch im September 2019 traf ich keine Studentin aus dem Bagrot-Dorf Sinakir im College an. Der Heimweg am Abend in der Dunkelheit ist gefährlich, er führt durch unwegsames ger&oml;llreiches Gelände. Öffentliche Verkehrsmittel gibt es im Tal nicht. Seit Beginn 2020 teilen wir uns mit den Eltern die Fahrtkosten für einen privat organisierten Transport. Nach anfangs 10 Studentinnen besuchen heute 17 junge Frauen aus Sinakir das College.

Bis August mangelte es erneut am kontinuierlichen Präsenzunterricht. In Bagrot gibt es dazu wenig Alternativen. "Home learning" funktioniert in vielen Familien nicht. Die Lehrkräfte leisteten Lerngruppen- und Einzelbetreuung am Telefon und mit Hausbesuchen. Der Internetanschluss des Tals wurde zwar mithilfe eines zusätzlichen Verstärkers ein wenig ausgebaut, weil der gekrümmte Talverlauf dem Signal immer wieder Berghänge als Hindernisse in den Weg stellt. Aber nur wenige Studentinnen haben Zugang zu einem Smartphone, kaum eine zu einem Tablet, Laptop o.ä. - dafür fehlt in den Familien das Geld. So hoffen wir auch im zweiten Coronajahr erneut mit allen auf einen Normalbetrieb über den Winter, mit viel Unterricht im Freien, wenn die Bergsonne scheint.

Was hat die Mädchenschule bisher gebracht?

Wir beobachten seit vielen Jahren bei den Schulabsolventinnen:
Sie heiraten einige Jahre später, die Kinder kommen später und auch weniger durch Familienplanung, sie können sich mühelos in der Landessprache Urdu verständigen, sie handeln selbstbewusst und selbständig, genießen eine größere Wertschätzung in der Familie und außerhalb, sie können ihren Kindern bei schulischen Fragen und den Hausaufgaben helfen (das konnten ihre Mütter und Großeltern allesamt nicht), ein Teil studiert oder hat studiert und arbeitet außerhalb des eigenen Haushalts und der Landwirtschaft, in der Regel als Lehrerinnen oder im Gesundheitsbereich. Mit Bezug auf die Berufswahl ist aus unserer westlichen Perspektive Luft nach oben.

Ausbildungswunsch und Berufswahl

In wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Strukturen wie in Bagrot zeigen Jugendliche wenig Ambitionen, eigene berufliche oder persönliche Interessen zu entwickeln. Auf die Frage nach persönlichen Neigungen reagieren sie meist mit einer gewissen Verständnis- und manchmal auch Hilflosigkeit. Sie haben es nicht gelernt, ihr Leben selbst in die Hand zu nehmen. Die Familie, d.h. die Älteren bestimmen in der Regel in allen familiären und beruflichen Angelegenheiten. Dies haben wir immer wieder erlebt. Auch die Lehrkräfte sind nicht in der Lage, zu vermitteln. Hier braucht es einen sehr langen Atem und viele überzeugende Beispiele, denn eine Veränderung käme einem gesellschaftlichen Wandel gleich und würde meines Erachtens einen wirtschaftlichen Wandel voraussetzen.

Projektkosten

Die Gesamtkosten für die aus privaten Spenden finanzierten Lehrkräfte und Sachkosten des Colleges betragen im laufenden Schuljahr 17.000 €.
Wir sind sehr dankbar für jegliche Unterstützung. Dafür gibt es gute Beispiele, die vielleicht zur Nachahmung anregen:

Spendenaktionen 2021

Öffentliche und Präsenzveranstaltungen und Aktionen wie in der Vergangenheit waren pandemiebedingt leider nicht möglich. Umso mehr möchte ich allen stillen Spenderinnen und Spendern für ihre Unterstützung danken. Sie halten das Projekt am Leben und Laufen.

  • Von Schüler*innen für Schülerinnen Die Berufsbildenden Schule der Heinrich-Haus gGmbH in Neuwied unterstützte das Projekt auch in diesem Jahr mit einer Spende.
  • Spenden statt Geschenke: Kolleginnen aus meinem beruflichen Umfeld haben mir den Abschied in den Ruhestand Ende November mit einer großzügigen Spende versüßt.
    Verwandte und Freunde haben über das Jahr private Anlässe zur Unterstützung der guten Sache genutzt.
  • 'Jeden Tag eine gute Naht': Eine Freundin näht in ihrer Freizeit für den guten Zweck. Den Gewinn aus dem Verkauf von Köln-Schlüsselbändern, Nackenkissen, Stiftemäppchen, Lunchbags und anderen praktischen Sachen spendet sie für das Schulprojekt.
  • Einige Dauerspender*innen, langjährige Unterstützer*innen und auch die Mitglieder des Forum Kinder in Not e.V. tragen maßgeblich zum Fortbestand des Projektes bei. Für ihr Vertrauen und ihre Treue bin ich sehr dankbar.
Ihre und eure Spenden fließen zu 100% an das Bildungsprojekt. Ich danke allen Unterstützerinnen und Unterstützern für ihren Einsatz für die gute Sache. Die Studentinnen, Eltern, Lehrkräfte und viele weitere Menschen aus dem Bagrot Tal lassen ein vielstimmiges Dankeschön und viele Grüße ausrichten. Ihnen und euch wünsche ich: Bleibt vor allem gesund! Mit herzlichen Grüßen aus Hamburg Ihre und eure Monika Schneid Dezember 2021

Weitere Informationen:

Monika Schneid, Marienthaler Straße 156, 20535 Hamburg,
Tel. 040-2503708, monika@monikaschneid.de
Auf unserer Website zeigen wir einen Kurzfilm über den Alltag in Bagrot: www.bagrote.net
Und auf der Seite einer Nachbarschaftsinitiative in Hamburg ist ein Kurzporträt des Projekts: eilbek.com


Spendenkonto:
Kreissparkasse Tübingen
IBAN: DE31641500200002753609
BIC: SOLADES1TUB
Forum Kinder in Not e.V.
Für zweckgebundene Spenden bitte das Stichwort "Pakistan" angeben.
Bitte unterstützen Sie uns durch Ihre Spende, die steuerlich abzugsfähig ist. Eine Spendenbescheinigung wird bei Angabe Ihrer Postadresse auf der Überweisung zugesendet.

 

Bilder: College-Lehrer Kaseer, 2021 (Herzlichen Dank an Kaseer für die Bereitstellung seiner Handyfotos.)

Diesen Bericht können Sie downloaden im Format DIN A4:

Bagrot Infobrief 2021.pdf

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Bilder aus Bagrot

Lernen in der Kleingruppe an frischer Luft

Schulhof

Innenausbau

Lehrer Ilyas in Aktion

Galerie im Obergeschoss

Studentinnen in der Aula

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