Monika Higher Secondary School for Girls in Datuchi / Bagrot Tal, Nordpakistan
Projektbericht 2023
Im Gedenken an unseren langjährigen Projektkoordinator
Mit großem Bedauern teilen wir mit, dass Herr Ahmed Ali, Mitbegründer und Koordinator des Mädchenschulprojektes im Bagrot-Tal, im Januar verstorben ist. Ahmed Ali (76) war über 30 Jahre hinweg die Seele und der Motor des Projektes. Mit seinen bewundernswerten diplomatischen Fähigkeiten und einer ansteckenden Menschlichkeit ist er den vielfältigen Herausforderungen, die ein solches Projekt und seine Stellung im Tal naturgemäß mit sich bringen, begegnet. Er war im gesamten Tal über Jahrzehnte hoch angesehen als Bürgermeister seines Heimatdorfes und langjähriger Lehrer und Leiter der größten Jungenschule im Tal. Die Bagroti und wir haben einen großartigen Mentor, Vermittler und Kompass verloren. Sein Tod ist für alle Betroffenen nah und fern ein kaum zu ermessender Verlust. Möge unser langjähriger und enger Freund Ahmed Ali in Frieden ruhen. Er bleibt unvergessen.
Die Projektkoordination vor Ort haben wir Saira Ahmed, der jüngsten seiner 6 Töchter und 2 Söhne übertragen. Sie hatte ihren schwerkranken Vater im vergangenen Jahr bereits vertreten. Die wesentlichen Aufgaben sind ihr damit vertraut. Wir freuen uns, dass sie die Herausforderung annimmt. Saira ist 29 Jahre alt und hat einen Studienabschluss in Biologie für das Lehramt. In ihre neue Rolle als Projektverantwortliche wachsen Saira und das Lehrerteam Schritt für Schritt hinein. Die Studentinnen waren sofort begeistert von der jungen und kompetenten Frau in dieser wichtigen Position. Sie ist schnell zum Vorbild geworden und facht deren Ehrgeiz an.
Auch eine junge Mathelehrerin bringt frischen Wind in die Klassen. Seit Mai unterrichtet Saba Banu am College. Sie hat in Islamabad Mathematik für das Lehramt studiert, ist 28 Jahre alt und stammt aus dem Bagrot Tal. Seit ihrer Heirat im vergangenen Jahr (wir waren dabei) lebt sie wieder im Bagrot Tal. Mit ihr konnten wir endlich eine sehr gut ausgebildete weibliche Lehrkraft für die Arbeit am College anwerben. Alle anderen qualifizierten Absolventinnen aus Bagrot leben seit ihrer Heirat außerhalb und können nicht täglich ins Tal pendeln.
Einige Studentinnen auf den Fotos tragen OP- oder Stoffmasken. Ein Relikt aus Zeiten der Pandemie oder ein neues modisches Accessoire? Das werde ich bei meinem nächsten Projektbesuch im Bagrot Tal herausfinden. Der ist für Frühjahr 2024 geplant.
Monika Higher Secondary School for Girls
Seit die Girls High School (1.-10. Klasse) vom Staat angemessen versorgt wird, müssen nur noch die Lehrkräfte für die weiterführenden Schuljahre, die Collegeklassen 11-14 aus privaten Spenden finanziert werden.
225 Mädchen aus dem Dorf Datuchi und den umliegenden Weilern besuchen die Government Girls High School Datuchi (1.-10. Klasse) und werden von 25 staatlich angestellten Lehrerinnen unterrichtet. In den 5 weiteren Dörfern des Tals existieren inzwischen ebenfalls schulische Angebote für Mädchen. Alle sind sehr gut besucht. Das spricht Bände für die Bedeutung von Schulbildung für Mädchen in Bagrot heute.
114 Studentinnen haben sich zum Beginn des neuen Semesters im September für die fünf Klassen des 1.- 4. Collegejahres in der Monika Higher Secondary School Datuchi eingeschrieben.
Im Frühjahr wurden alle Collegestudiengänge ab dem 3. Collegejahres umgestellt, eine Entscheidung der Bildungsbehörde: Die Bachelor-Studiengänge wurden von 2 auf 4 Jahre verlängert und die Lehrinhalte entsprechend erweitert. Für die Klasse des bereits bestehenden 4. Collegejahres gelten die alten Regeln. Mit der Umsetzung ruckelt es: Für die neuen Studiengänge fehlen teilweise noch Lehrbücher. Lehrkräfte und Studierende müssen sich mit Kopien aus alten Fachbüchern, Ausdrucken ansonsten nur online verfügbarer Unterrichtsmaterialien und Arbeitsblättern behelfen.
Die aktuell fünf Klassengruppen des College werden von 13 Lehrkräften unterrichtet, die wir mit Ihren und euren Spenden finanzieren. Die Studentinnen kommen aus allen Dörfern des Tals. Sie nehmen teils weite Schulwege in Kauf. Für die 13 Studentinnen aus dem Dorf Sinakir finanzieren wir gemeinsam mit deren Eltern die Transportkosten. Ein Minibus bringt die Mädchen zur Schule und holt sie wieder ab.
Die Zahl der neuen Studentinnen pro Klasse schwankt von Semester zu Semester. Die Entscheidung für den Collegebesuch ist abhängig von den wirtschaftlichen und privaten Möglichkeiten der jungen Frauen bzw. ihrer Familien: Können sie sich ein Studium der Tochter außerhalb des Bagrot-Tals finanziell leisten? Ist sie als Arbeitskraft im Haushalt und in der familiären Landwirtschaft zeitweilig unverzichtbar? Ist sie frisch verheiratet oder hat sie bereits ein Baby?
„Education at Home” ist unsere Maxime. Ziel ist, möglich zu machen, was in Bagrot sonst nicht möglich ist. Früher war es der Schulbesuch, heute ist es der Einstieg in ein Studium. Die ersten Jahre im Bagrot Tal studieren und nicht außerhalb in den Städten der Region wo das Leben teuer ist. Die Collegeklassen werden im Wesentlichen von Töchtern aus wirtschaftlich ärmeren Familien besucht, die sich einen Aufenthalt außerhalb nicht leisten können. Der Besuch des College ist kostenlos.
Unterrichtsfächer der Collegeklassen sind Urdu, Englisch, Soziologie, Pädagogik, Landeskunde, Wirtschaft, Arabisch und in den naturwissenschaftlich ausgerichteten Klassen Mathematik, Physik, Biologie und Chemie.
Ein Lehrer des Teams ist gleichzeitig mit organisatorischen Aufgaben beauftragt, unterstützt von einer Assistentin für die persönliche Betreuung der Studentinnen.
Die Collegeklassen werden nachmittags in den dann leeren Räumen der Mädchenschule unterrichtet. Nach dem Abschluss der baulichen Erweiterung der Schulgebäude vor mehr als einem Jahr - zwei Gebäude wurden um ein Obergeschoss mit mehreren Klassenräumen aufgestockt - hat die Schulbehörde im September auch das Mobiliar für die neuen Klassenräume geliefert. Bis dahin saßen viele Studentinnen wieder auf dem Boden, eigentlich ein Bild aus längst vergangener Zeit.
Bereits im Frühjahr hatte die Schulbehörde das Computer Lab der High School rundum neu ausgestattet. Die privaten Collegeklassen können den Computerraum nachmittags nutzen. Was noch fehlt, ist die Internetverbindung.
Eine weitere gute Nachricht: Die letzten Examensergebnisse fielen deutlich besser aus als erwartet nach zwei Pandemiejahren mit mehrmaliger Schulschließung, Versammlungsverbot und Fernunterricht ohne Internetzugang.
Im April haben wir die Gehälter aller CollegemitarbeiterInnen deutlich angehoben. Die anhaltend hohe Inflation in Pakistan wirkt sich besonders stark auf die Ausgaben für Grundnahrungsmittel und andere Waren des täglichen Bedarfs aus. Das belastet die Haushalte in Bagrot sehr. Das Land befindet sich seit mehreren Jahren in einer schweren Wirtschaftskrise. Dies spiegelt auch der Wechselkurs der pakistanischen Währung eindrucksvoll wider. Im Laufe des vergangenen Jahres hat die Rupie fast 40% an Wert verloren gegenüber dem Euro.
Projektkosten
Die Gesamtkosten für die aus privaten Spenden finanzierten Lehrkräfte und Sachkosten des Colleges betragen im laufenden Schuljahr 17.000 EUR.
Wir sind sehr dankbar für jegliche Unterstützung. Dafür gibt es gute Beispiele:
Spendenaktionen 2023
'Jeden Tag eine gute Naht':Unsere fleißige Nähfreundin musste in diesem Jahr schweren Herzens verletzungsbedingt auf das Nähen und viele andere Aktivitäten sehr lange verzichten. Inzwischen ist sie wieder fit und näht auch wieder. Den Gewinn aus dem Verkauf von Köln-Schlüsselbändern, Nackenkissen, Stiftemäppchen, Snackbags, Taschen und anderen praktischen Sachen spendet sie seit Jahren regelmäßig für das Schulprojekt.
Spenden statt Geschenke und Kränze: Gute Freunde haben persönliche Anlässe zu Spendenaufrufen genutzt.
SchülerInnen helfen: SchülerInnen am Oberharz-Gymnasium in Braunlage haben einen Teil des Erlöses aus dem Weihnachtsbazar gespendet.
Einige Dauerspender*innen, langjährige Unterstützer*innen und auch die Mitglieder des Forum Kinder in Not e.V. tragen maßgeblich zum Fortbestand des Projektes bei. Für ihr Vertrauen und ihre Treue bin ich sehr dankbar.
In diesem Jahr fanden wieder Vorträge über das Bildungsprojekt statt. U.a. hatte der Lions Club Köln-Vittelius zu einem Erfahrungsaustausch eingeladen.
Ich möchte allen Spenderinnen und Spendern für ihre Unterstützung, ihr Vertrauen und ihre Treue danken. Sie halten das Projekt am Leben und Laufen.
Ihre und eure Spenden fließen zu 100% an das Bildungsprojekt. Ich danke allen Unterstützerinnen und Unterstützern für ihren Einsatz für die gute Sache.
Die Studentinnen, Eltern, Lehrkräfte und viele weitere Menschen aus dem Bagrot Tal lassen ein vielstimmiges Dankeschön und viele Grüße ausrichten.
Mit herzlichen Grüßen
Ihre und eure Monika Schneid
Dezember 2023
Neu: Namkeen Chai with Nafa (Staffel 2, Folge 1: Ein Tag mit Monika in Bagrot),
Khawar alias Nafa ist ein junger Medienmann und Sohn einer Bagrotfamilie. Einer spontanen Idee folgend hat er uns an unserem letzten Sonntag im Bagrot-Tal im Oktober 2022 mit der Kamera begleitet. Das Ergebnis ist ein 45minütiges Video für sein Publikum in Nordpakistan auf seinem Youtube-Kanal: https://youtu.be/DhTjk-1jn2Y
Orginalton in Shina, der Sprache im Bagrot-Tal und der Region um Gilgit.
Und auf der Seite einer Nachbarschaftsinitiative in Hamburg ist ein Kurzporträt des Projekts: eilbek.com
Spendenkonto:
Kreissparkasse Tübingen IBAN: DE31641500200002753609 BIC: SOLADES1TUB Forum
Kinder in Not e.V. Für zweckgebundene Spenden bitte das Stichwort "Pakistan" angeben. Bitte unterstützen Sie uns durch Ihre Spende, die steuerlich abzugsfähig ist. Eine Spendenbescheinigung wird bei Angabe Ihrer Postadresse auf der Überweisung zugesendet.
Nachrichten von Nurin - eine ehemalige Schülerin, über deren Werdegang wir hier unregelmäßig berichten:
Nurin (31) leitet heute eine private Vorschule in einer gro&szlit;en Gemeinde nahe Gilgit. Ihr Mann arbeitet seit vielen Jahren in Karachi, das liegt von Bagrot und Gilgit aus betrachtet am anderen Ende Pakistans, über Land 1850 km entfernt. Die Winterschulferien verbringt sie mit ihren beiden Jungs in Karachi, die Reise mit dem Bus dauert 2-3 Tage. In den Sommerferien kommt ihr Mann nach Hause. Im Sommer ist Nurin mit ihren beiden Söhnen (9 und 5) aus dem Elternhaus ausgezogen in ein kleines gemietetes Haus in der Nähe. Ein weiterer Schritt in eine noch ungewohnte Selbständigkeit, wie sie selbst gesteht. Ihr älterer Sohn (9) ist jetzt der ‘Herr des Hauses’ und mächtig stolz auf seine neue Rolle.